Nach Jahren auf Achse und den letzten fünfzehn Jahren in der Dom-Rep bin ich wieder in Wien gelandet. Pensionist, aber nicht pensioniert vom Leben. Und plötzlich war sie wieder da: die alte Liebe, Schach spielen. Als Kind hatte ich Schrauben und Knöpfe meines Vaters als Figuren, jetzt stehen echte Holzfiguren vor mir. Die Magie ist dieselbe geblieben – dieses Abtauchen in eine eigene Welt, in der Zeit und Alltag verschwimmen wie eine in Nebel getauchte Landschaft.
Da tauchte Kineke auf. Nicht wie 2015, mit zwei Schachbrettern unterm Arm bei den Flüchtlingen am Hauptbahnhof, wo sie die Bretter auflegte, um mit den Menschen zu spielen, sondern als Schachaktivistin, die mit ihrer Website Chess Unlimited genau weiß, wo in Wien gerade die Könige tanzen.
Dank ihr treffen wir uns regelmäßig: Lehrer, Vertreter, Pensionisten, Studenten, Schauspieler und sogar einen Mops. Der von seinem Herrchen Josef als „Jagd – Mops“ bezeichnet wird. Ich habe ihm erklärt, dass diese Rasse nicht existiert. Josef beharrt trotzdem darauf, meine Daisy ist eine Jägerin, ergo ein Jagd-Mops. Für mich ist sie eher ein Kubik-Mops – gleich hoch, gleich breit, gleich lang. Ist immer am Schlafen. Dabei schnarcht sie wie ein besoffener Bernhardiner.
Dann wäre da Werner, ehemaliger Mathematiklehrer – eine gute Voraussetzung für Schach. Man erkennt es sofort: Wenn sein Gegner einen guten Zug macht, wird er von ihm gelobt.
Spektakulär sind seine Partien gegen Josef. Die reinste Schachkomödie Josef sagt schon nach dem dritten Zug, „ich spiele schrecklich“. Und nach jedem weiteren Zug folgt ein schrecklich. Außerdem, wenn er einen schlechten Zug macht, ist das seinem Alter geschuldet. Mit 60 gibt er vor, sich wie ein Methusalem zu fühlen, der sich wundert, dass er überhaupt noch die Figuren heben kann. Na ja, ein richtiges Schlitzohr halt. Warum ich das denke? Weil er immer so schelmisches Grinsen im Gesicht hat.
Dann Karl, Ex-Fremdenführer von Schönbrunn. Sitzt mit stoischer Ruhe am Brett, als würde er gleich eine Gruppe Touristen durch die spanische Eröffnung führen. In Wirklichkeit spielt er mit einem Freund – ein Original und totales Gegenteil von ihm; mit langen Haaren, Tattoos, bei dem ich denke, der ist 1969 beim legendären Musikfestival in Woodstock dabei gewesen. Heute bringt er Kindern in der Schule die Grundbegriffe von Schach bei.
Dann ich – ehrgeizig, risikofreudig, ungeduldig. Schach spiele ich gern mit der Uhr, weil es fair ist – jeder hat dieselbe vereinbarte Zeit. Manche verwenden Zeit nämlich als Waffe; sie hoffen darauf, ihren Gegner einschläfern zu können. Das lange taktieren ist nicht meins. Dafür habe ich zu wenig Geduld.
Was ich gar nicht ausstehen kann, sind die übergescheiten Typen. Die, die glauben, sie müssen dir das Spiel erklären, obwohl du gar nicht gefragt hast. Da kann ich richtig sauer werden. Es gibt da welche, das muss man sich mal vorstellen, die zwei Stunden mit dem Zug fahren, nur um sich in unsere ruhige Runde zu drängen – und merken nicht, was für eine Scheiß-Show sie abziehen.
Davon abgesehen: Wir sind alle verschieden. Jeder bringt seine Macken, seine Geschichten, seine Eigenheiten mit. Wir sind alles Wanderer in einem Königreich aus 64 Feldern, wo ein Mops zum Maskottchen wird und ein Ex-Lehrer in seinem Element ist. Und genau dort, zwischen Bauern, Türmen und einem schnarchenden Hund, habe ich meinen Platz gefunden. In einem Biotop aus verschiedensten Persönlichkeiten, wo nur eines zählt:
Beim Spielen sind wir alle gleich!
Also, bleibt verspielt!
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