Anfang der achtziger Jahre war ich Geschäftsführer mehrerer Würstelstände in Wien und hatte mit den verschiedensten Mitarbeitern und Kunden zu tun. Aus dieser Zeit sind mir einige Erlebnisse noch gut in Erinnerung. Ich hatte damals einen Beschäftigten namens Leoni aus Vorarlberg. Ich wusste, dass er im Gefängnis gewesen war und Alkoholprobleme hatte. Er erzählte es mir, nachdem ich ihn beiläufig darauf angesprochen hatte.
Er hätte es mir nicht sagen müssen. Aber nachdem er es getan hat, hatte ich ein gutes Gefühl bei ihm. Seine Probleme hatte er im Griff. So war er ein guter, loyaler und verlässlicher Mitarbeiter. Sein Vorarlberger Dialekt wirkte auf manche Wiener Gäste exotisch, kam aber gut an. Außerdem versorgte er mich mit Insider wissen über Trinker. Er sagte einmal „Wenn ich einen neuen Mann zum Einschulen habe und der hängt jeden Augenblick am Wasserhahn – Chef, der ist ein Trinker.“
Im Dienst herrschte bei uns Alkoholverbot. Das hatte einen einfachen Grund, die Mitarbeiter mussten klar im Kopf sein.
Sie mussten den Laden schmeißen, kassieren – ohne Registrierkasse – schauen, dass genug Ware bereit war, und darauf achten, dass nichts verdarb.
Eines Morgens, um acht Uhr, wir hatten gerade aufgesperrt, kamen zwei wohlbeleibte Damen und bestellten jede eine Leberkässemmel. Leoni sagte zu ihnen „I mach enk a kräftige – denn ihr esst eh gern.“ Ob sie ihn verstanden haben, weiß ich nicht. Ich fiel fast vom Hocker – und wunderte mich über das schallende Gelächter der beiden. Hätte ich das so gesagt, wären sie sicher tödlich beleidigt gewesen. Na ja, wenn zwei dasselbe sagen, ist das nicht das Gleiche.
Interessant war auch, wer alles zu unserer Würstelbude kam. Straßenkehrer, Taxifahrer, Politiker, Büroangestellte mit Ärmelschonern – und in der Nacht die Bordsteinschwalben samt Zuhältern, Freiern und sonstigem Anhang. Sie waren mir alle willkommen.
Und es gab die kuriosesten Begebenheiten. Ein Bürohengst im Anzug bestellte eine Burenwurst mit scharfem Senf und Brot. Da kam ein vor sich hin lachender betrunkener, schaute auf den Teller des Büroangestellten und sagte zu mir „Oida, gib mir das Gleiche.“ Er nahm seine Wurst und tauchte sie schwungvoll in den Senf des Büroangestellten ein. Der war dem Herzinfarkt nahe, die Brille rutschte ihm fast von der Nase. Er schnappte seinen Teller und verschwand schimpfend auf die andere Seite vom Kiosk.
Der Betrunkene schien inzwischen im Stehen einzuschlafen. „He, oida, geh ham, solang du noch kannst“, sagte ich. Er antwortete „Des kann ich noch lange“, drehte sich um und trat den Beweis an.
Da ich auch Politiker zu meinen Gästen zählte, wurde ich Zeuge mancher Gespräche. Einer aus der oberen Fraktion der Trüffelfresser sagte, nachdem er sich die Burenwurst schmecken ließ!„Also, über das sind wir uns doch einig, Herr Kollege die Burenwurst besteht doch nur aus Flachsen, aus Bindegewebe der Haxen.“ Der volksnähere Politiker konterte „Also Hörens doch auf! Sie hat Ihnen so gut geschmeckt, hinterher haben Sie sich die Finger geschleckt.“
Da hatte er meine volle Zustimmung.
Neben dem Beiwohnen solcher Dialoge musste ich auch dafür sorgen, dass meinem Chef nicht zu viel geklaut wurde.
Und der Umsatz nicht durch Eigenware geschmälert wurde. Es gab immer wieder Mitarbeiter, die Bierkisten einschoben und damit der Firma schadeten. Mein Job war es, das zu verhindern. Der Klassiker, wenn ich die Ware geliefert hatte, ließ ich sie mir bestätigen. Da ich fünf Stände zu beliefern hatte, fuhr ich von einem zum anderen. Zeit genug, um sich von Kumpanen mit Eigenware beliefern zu lassen.
Doch da hatten sie die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Die von mir gelieferte Ware war markiert. Ich machte auf jede Flasche mit Filzstift einen Punkt – nicht zu sehen, wenn man es nicht wusste. An einem heißen Sommertag wurden schon mal zehn Kisten Bier in der Fußgängerzone verkauft. Bei so viel Umsatz meinten manche, es würde nicht auffallen, wenn sie ein oder zwei Kisten Eigenware einschoben. Irrtum. Ich brauchte nur am Abend zu kommen und die Flaschen zu trennen in die mit Punkt und die ohne Punkt. Und schon wusste ich, was abging.
Bei den Würsten kauften besonders schlaue direkt bei unserem Metzger, weil man die von anderen Fleischern sofort erkannte. Auch das musste ich lösen. Also machte ich mit einem scharfen Messer kleine Ritze in die gelieferten Würste. Das fiel niemandem auf – nur ich wusste, wo ich geritzt hatte. Im heißen Wasser sah man es sofort, weil die Stelle leicht aufquoll.
Aber das waren nicht die einzigen Probleme, die ich zu lösen hatte. Die Stände wurden gern von schnorrenden und nicht gerade vertrauenswürdigen Personen heimgesucht. Wegschicken konnte man sie nicht, da die Stände auf öffentlichem Grund standen. Sie hatten praktisch Narrenfreiheit und nutzten sie ungeniert aus. Wenn ein Gast sein Bier nicht ganz austrank, stürzten sie sich sofort darauf. Das wiederum hinderte zahlende Gäste, überhaupt näherzukommen. Sie vertrieben mir die Kundschaft. Einmal, ich hatte nicht den besten Tag, war genervt von dem vielen Arbeiten und den ungebetenen Gästen. Ich ging vor den Stand, um das Leergut einzusammeln. Da war einer dieser Besucher gerade dabei, sich an den Resten zu laben. Ich nahm ihm die Flaschen ab und sagte „Schleich dich, du Penner“, und ging wieder in den Kiosk. Leider hatte er noch ein paar Flaschen in Reserve. Die flogen mir dann um die Ohren.
Na ja, geschah mir eigentlich ganz recht. Ich hätte ihn nicht „Penner“ nennen dürfen – ich hätte das viel besser lösen können.
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