Lasso

Ein schöner, warmer Frühlingstag. Mutter war im Garten mit ihren Pflanzen beschäftigt, Vater werkte im Wald. Mir war langweilig, also begann ich, unseren Hund zu ärgern.

Er konnte es nicht leiden, wenn man ihm einen Spiegel vor die Nase hielt. Das verstand ich überhaupt nicht, er war doch ein schöner Hund.
Er drehte seinen Kopf in alle möglichen Richtungen, wollte nicht in den Spiegel schauen. Er warnte mich, indem er knurrte und seine Zähne fletschte. Normalerweise nahm ich die Warnung zur Kenntnis, aber an diesem Tag war mir sehr langweilig. Die Andenken trage ich noch heute an meinen Beinen.

Später, als Vater nach Hause kam und Mutter ihm erzählte, was vorgefallen war, legte er mich übers Knie und versohlte mir den Hintern. Ich hätte den Hund nicht reizen dürfen; es war nicht das erste Mal, dass ich Lasso ärgerte, und Vater hatte es mir ausdrücklich verboten.

Dann bekam auch Lasso seine Abreibung. Er hätte mich nicht beißen dürfen; er hätte mich ignorieren und weglaufen können. So gesehen haben wir beide Scheiße gebaut.
Nachdem wir verdientermaßen beide bestraft worden waren, saßen wir vereint unter dem Küchentisch. Ich umarmte ihn, und er sah mich mit seinen traurigen Hundeaugen an, die wohl sagten: „Du blöder Hund, hättest du mich nicht gereizt, hätte ich dich nicht gebissen, und wir hätten uns beide die Prügel erspart.“

Ein paar Tage später

Ich saß mit einem Grashalm im Mund an einen Baum gelehnt. Der Wind rauschte in den Blättern, in der Ferne hörte man eine Kuh muhen. Lasso jagte hinter bunten Schmetterlingen her und bellte fröhlich.
Auf mein Rufen hin kam er angelaufen, schnappte erfolglos nach einer frechen Fliege, die ihm auf der Nase herumtanzte. Dann legte er seinen Kopf in meinen Schoß und ließ sich von mir streicheln. Wir haben uns längst wieder ausgesöhnt.
Denn trotz unserer Differenzen blieben wir doch die besten Freunde. Ich vertraute ihm meine Sorgen an, erzählte ihm von den Problemen mit meinen Brüdern – ich wusste, auch er hatte seine Probleme mit ihnen.

Nachdem die Bisswunden von Lasso verheilt waren, übte ich Fahrradfahren. Für ein Herrenrad war ich noch zu klein. Um beide Pedale erreichen zu können, musste ich mit dem rechten Fuß unter der Stange durchtreten. Es ging eigentlich recht gut. Die Sonne schien, die Schmetterlinge flogen über die Wiese, auf den Blumen saßen Bienen und summten.Ich trat voll in die Pedale und nahm Fahrt auf. Der Wind pfiff mir um die Nase. Voller Freude über meine Fahrkünste raste ich jauchzend dahin; unsere Hühner und Hasen ergriffen panisch die Flucht.
Einen Pflug, der im Weg stand, den übersah ich.

Mutter hörte mich schreien. Sie stürzte ins Freie und sah mich mit blutverschmiertem Bein am Boden liegen. Ich hatte mir bei diesem Unfall das rechte Schienbein auf einer Länge von circa drei Zentimetern bis auf den Knochen abgeschürft.
Mutter erhitzte Wasser, fügte reichlich Waschmittel hinzu und steckte mein Bein in die Lauge, um die Wunde zu desinfizieren. Es brannte fürchterlich. Ich schrie wie von Sinnen und schlug um mich, doch Mutter hielt mein Bein eisern in der Lauge fest.

Sie wusste, was sie tat. Das war damals die einzige Möglichkeit, mich vor einer Infektion zu bewahren, denn der nächste Arzt war rund 13 Kilometer entfernt. Sie konnte damals keine Hilfe holen, wir hatten kein Telefon und auch kein Auto, um zum Arzt zu fahren.

Eine kleine Narbe am rechten Schienbein erinnert mich noch heute an die damalige Qual.

Der Wächter,

unser Haus, weit abgelegen war nur von unserem Grundstück umgeben. Wir hatten keine unmittelbaren Nachbarn und keinen Zaun rundherum. Lasso war nicht nur mein Gefährte, er war auch unser Wachhund.

Damit unser Hund wusste, was er bewachen musste, ging Vater mit ihm, immer wenn es dunkel wurde, das Grundstück ab. Es dauerte nicht lange bis er dann alleine in der Nacht seine Runden zog. Die einzigen Probleme, die er dabei hatte, waren die Igel. Er verstand einfach nicht, dass er mit ihnen nicht wie mit einem Ball spielen konnte. Wenn er sie anstubste, rollten sie sich zusammen, und er holte sich an ihren Stacheln immer wieder eine blutige Nase.

Sein verärgertes Bellen lies uns oft Nächtelang nicht Schlafen. Um unsere Ruhe zu haben hat Vater ihn ins Haus gerufen. Aber selbst im Haus hat er keine ruhe gegeben. Er kratzte an der Tür, er wollte unbedingt raus, um seinen Krieg mit den Igeln fortzusetzen.

Er war halt ein richtiger Kämpfer!

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