Sucht!

Rauchen galt als cool. Uns wurde das suggeriert – durch Werbung, Filme, Vorbilder.
Abenteuerlust, Freiheit, Männlichkeit. Wer dazugehören wollte, musste mitmachen. Auch wenn man es als junger Mann nicht sofort so sah, gab es einen gewissen Gruppenzwang. Wer von uns jungen Leuten wollte nicht cool sein? Ich wollte dazugehören.

Also wurde ich Raucher – mit allen negativen Begleiterscheinungen. Kopfschmerzen, Übelkeit, Husten, als würde es einem die Lunge zerreißen. Egal, ich wollte Teil dieses elitären Kreises sein, in dem man einander Zigaretten anbot. Zunächst rauchte ich nur, wenn mir jemand eine anbot – im Beisein anderer Raucher, die mir erklärten, wie man richtig inhaliert. Ich wollte dazugehören also, trainierte ich. Es dauerte nicht lange, bis ich mir ohne Aufforderung selbst eine anzündete. Die Zigarette wurde zur Gewohnheit. Dann zur Notwendigkeit. Dann zur Sucht.

Jahrzehnte später – 60 bis 80 Zigaretten am Tag. Das war schon eine Leistung. Aber keine, auf die ich stolz war. Weniger zu rauchen war ein permanenter, ermüdender Kampf, den ich immer verlor. Im dominikanischen Fernsehen liefen Spots von Marlboro und Konsorten. Rauchende Cowboys am Lagerfeuer, Autorennfahrer, die sich nach dem Rennen eine Zigarette gönnten.
 Die Sucht wurde verherrlicht. Was soll‘s, sagten sich viele Süchtige, die sich längst aufgegeben hatten.„Alkohol und Nikotin rafft die halbe Menschheit hin – aber ohne Alkohol und Rauch stirbt die andere Hälfte auch.“ Ich hatte mich noch nicht aufgegeben. Da war mein kleiner Sohn, sechs Jahre alt. Ich wollte ihn aufwachsen sehen. Träumte von Radtouren, die wir zusammen machen, dass wir zum Fußball gehen und den vielen anderen tollen Dingen, die ein Vater mit seinem Sohn erleben kann. Und ich wollte ihm ein Vorbild sein.

. Also schwor ich mir: Am 22.2.2002, um 2 Uhr früh, rauche ich meine letzte Zigarette. Ich sagte es meiner Frau. Sie war erfreut – aber skeptisch. Sie hatte meine Niederlagen im Kampf gegen die Sucht miterlebt. Hielt es für vermessen, da bis zu diesem magischen Datum noch sieben Monate blieben. Auch ich zweifelte manchmal. Trotzdem erzählte ich es jedem, der es hören wollte (oder auch nicht). Bei meinen Freunden, alle im Team der Raucher, wurde ich belächelt. Viele nannten mich „el cigarillo“(die Zigarette).
 In der Strandbar, in der man mich als extrem starken Nikotinjunkie kannte, sorgte meine Ankündigung für Gelächter.
 Roger, ein Schweizer, verschluckte sich fast an seinem Präsidente-Bier
 „Habt ihr das gehört? Da Ruady will gesund leben, er hört zum Qualmen auf!“ Ein Tiroler Tourist rief „isch des woahr!“und alle im Lokal lachten.

Ich kündigte mein Vorhaben bewusst an. Ich wusste: Sie würden mir Druck machen und auf mein Scheitern warten. Es liefen sogar kleine Wetten – um ein Bier zum Beispiel. Ich hatte nun sieben Monate Zeit, mich vorzubereiten; nahm zwei Blatt Papier. Auf das eine schrieb ich Vorteile: auf das andere Nachteile: Bei dem Blatt mit den Vorteilen fiel mir nichts ein. Beim Blatt mit den Nachteilen schrieb ich mir die Finger wund.

Schlechter Atem – gelbe Finger vom Nikotin – Löcher in Kleidungsstücken. Meine Frau, wenn sie mich küsste, musste sie denken, mit einem Aschenbecher zu schmusen. Tränen, wenn Rauch in die Augen kam – Asche überall. Kein richtiger Geschmackssinn, bei vier Schachteln am Tag, kein Wunder. Entscheidung: Essen oder Zigaretten? Zigaretten gewannen. Ich benötigte ein zweites Blatt für all die Nachteile. Hängte beide gut sichtbar in der Wohnung auf, setze mich gezielt mit dem Thema auseinander. Und war geplagt von Zweifeln, ob ich die Sucht besiegen würde.
Dazu verfluchte ich mich für meine großspurige Ankündigung. Dann wieder Optimismus, ich stellte mir vor, wie es ohne Zigaretten sein würde. Die Vorstellung, nicht mehr von Nikotin abhängig zu sein, motivierte mich.

Immer wieder wurde ich gefragt, ob es mir mit meiner Ankündigung wirklich ernst sei, da ich ja nach wie vor meinem Laster frönte. Die Reaktionen darauf waren unterschiedlich, das schaffst du nie, was nicht gerade erbauend war.
Bis zu, ich drücke dir die Daumen, du schaffst das schon. Während meiner intensiven Vorbereitung auf den Tag X verschwanden immer mehr die Zweifel.

Und ohne es wirklich zu merken, rauchte ich weniger.

Zu Weihnachten, also zwei Monate vor dem ominösen Tag, spielte ich bereits mit dem Gedanken, meine Raucherkarriere vorzeitig zu beenden. Da ich mir aber geschworen hatte, dass ich am 22.02. 2002, um 2 Uhr in der Früh, die letzte Zigarette aus dämpfen würde, verwarf ich diesen Gedanken wieder und rauchte weiter, weniger aber doch.

Und dann, zwei Monate später, an einem Freitag, war es so weit. Um 2 Uhr in der Früh, ich bin extra wach geblieben, rauchte ich meine letzte Zigarette. Am Morgen danach, 7 Stunden später, hatte ich im Boca Chica Beach Resort ca. 20 Kilometer entfernt ein Briefing mit fünf Gästen. Wir setzten uns an einem Tisch. Einer von ihnen, ein junger Mann, fragte, dürfen wir Rauchen? Ich sagte „klar“ und begann mit meinem Informationsgespräch. Das Ganze dauerte etwa eine Stunde. Auf der Heimfahrt nach Juan Dolio lief es mir plötzlich kalt über den Rücken. Ich hatte eine Gänsehaut. Erst da wurde es mir bewusst, ich habe nicht geraucht, obwohl ich von meinen Gästen Zigaretten angeboten bekam.
 
Euphorisch erzählte ich später in meiner Stammkneipe davon. Roger, der Schweizer und der Tiroler sowie ein paar andere vom Klub der Raucher waren mehr als skeptisch.
Ich wurde sofort getestet. Sie luden mich auf Bier und Zigaretten ein. Bier nahm ich an, Zigaretten lehnte ich ab. Dieses Ereignis wurde mit reichlich Alkohol gefeiert. Natürlich stellten sie mich mehrmals auf die Probe, immer wieder boten sie mir Zigaretten an, wie das unter Freunden halt so üblich ist. Aber ich blieb standhaft, selbst volltrunken schafften sie es nicht, mich zum Rauchen zu bewegen. Das erfuhr ich allerdings erst am nächsten Tag, als ich wieder nüchtern in der Bar auftauchte.
Dort sagte mir der Kellner, wie sehr ich alle nervte, weil ich immer wieder sagte, ich werde nie mehr rauchen. Und sie aufforderte, es mir gleichzutun.

Der 22.02.2002 war erst der Anfang meines Nichtraucher seins. Der Sieg fühlte sich heroisch an. Aber die wahre Prüfung kam in den Monaten danach. Am Anfang war es überraschend leicht ich konnte das Gefühl, das Meine Finger immer etwas halten mussten einfach mit einem Zigarettenspitz simulieren. Denn die Sucht ist nicht nur am Nikotin gelegen, sondern an vielen damit einhergehenden Gewohnheiten wie das man zum Kaffee oder nach einem guten Essen eine rauchte. Aus Langeweile ohne zu überlegen eine anzündete, sich mit rauchenden gegenüber solidarisierte. Wenn man nervöse war. Wenn man glücklich war. Wenn man Angst hatte. Weil man alleine war. Wenn man nicht schlafen konnte.

Es gab Tausend Gründe zu rauchen. Und immer waren die Finger involviert.

Was ich empfunden habe, wenn ich nicht rauchte, war eigentlich pervers. Ich hatte das Gefühl als wenn ich zu wenig Luft bekommen würde. Um das zu Umgehen, lutschte ich Pfefferminz Bonbons, dazu saugte ich mit meinem Spitz die Luft in meine Lungen, somit simulierte ich den Lungenzug mit der Zigarette.

Monate waren vergangen. Der Stolz war noch da, aber der Alltag kehrte zurück.
 Und genau da meldete sie sich die kleine Bestie im Hinterkopf, ganz leise: „Komm schon, Ruady. Nur eine einzige. Schau doch mal, ob sie dir überhaupt noch schmeckt. Nur zum Testen.“

Ich wusste: Wenn ich jetzt „Nie wieder“ sage, kriege ich Panik. Also fing ich an, die Bestie zu verarschen. Ich sagte ihr ganz ruhig: „Heute nicht. Vielleicht morgen.“ Am nächsten Tag kam sie wieder. Ich blieb dabei: „Nicht heute. Morgen vielleicht.“
Ich vertröstete sie Tag für Tag, Woche für Woche.
Ich habe sie einfach am ausgestreckten Arm verhungern lassen. Dieses „Vielleicht morgen“ war meine schärfste Waffe. Es nahm der Entscheidung die Endgültigkeit und der Sucht die Macht.

Dann kamen die Träume. Die waren das Schlimmste. Ich saß im Traum mit Freunden am Tisch, wir lachten, ich trank ein Bier und hielt eine brennende Zigarette in der Hand. Im Traum erzählte ich allen großspurig: „Ich rauche schon seit Jahren nicht mehr!“, während der blaue Dunst von meiner Hand aufstieg. Dieses Gefühl im Traum – diese Scham, dass ich mein Wort gebrochen hatte – war schrecklich.
 Aber das Erwachen war die Erlösung. Wenn ich merkte, dass mein Schlafzimmer nicht nach kalten Rauch roch, war ich der glücklichste Mensch der Welt.

Mein Gehirn hielt einfach nur eine Brandschutzübung ab, um mich daran zu erinnern, wie wertvoll meine Freiheit ist. Heute, Jahre nach dieser magischen Nacht herrscht Ruhe. Die Bestie schweigt. Sie hat wohl irgendwann eingesehen, dass bei mir nichts mehr zu holen ist. Ich bin kein „el Cigarillo“ mehr. Ich bin ein freier Mann. Und das Beste daran ist: Ich muss mir nicht mehr vornehmen, morgen nicht zu rauchen.

Ich tue es einfach nicht mehr!

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