Mit Bambi und co auf Tour


Nach Beendigung meiner Lehre ging ich nach Wien, wo ich mich erst einmal neu orientieren musste. Maler war für mich keine Option mehr. Das wusste ich bereits nach dem ersten Lehrjahr, wollte aber die Lehre abschließen.

Nach mehreren kurzfristigen Jobs, die mich nicht befriedigten, fiel mein Blick auf ein Zeitungs-Inserat. Das klang wie der feuchte Traum eines jeden Abenteurers: Reisen durch ganz Österreich und dabei auch noch gut verdienen. Ein Traumjob, dachte ich, wahrscheinlich als Beifahrer, der die Landkarte hält und gelegentlich fragt: „Sind wir bald da?“

Als ich dann zum Vorstellungsgespräch ging, wurde ich unsanft aus meinem Tagtraum gerissen. „Es handelt sich hier um eine Verkaufstätigkeit“, hieß es. Mein Verstand stotterte kurz, aber meine Neugier siegte. Ich musste einfach wissen, was das für ein mysteriöser Job war, der mit Reisen und gutem Verdienst lockte. Am nächsten Tag war die Katze aus dem Sack: Ich sollte Vertreter werden. Die Einschulung war so kurz, dass ich dachte, der Chef hätte vergessen, sie zu Ende zu führen. „Verkauft Kinderzimmer-Deko, von Tür zu Tür“, war die kurze und bündige Anweisung. Plötzlich war ich nicht mehr der geheimnisvolle Beifahrer, sondern ein Bilder-Vertreter mit einem Koffer voller handgemachter Kunstwerke: Bambi, Micky Maus, Donald Duck und all die anderen Disney-Helden, die ich jetzt von Haus zu Haus tragen sollte.

Meine Verkaufsstrategie war denkbar einfach: Ich stellte mich mit einer Auswahl der schönsten Bilder in der Hand an die Tür und sorgte dafür, dass die Kleinsten, die immer mit neugierigem Blick hinter Mama und Papa auftauchten, sie sofort sehen konnten. Wenn sie dann mit ihren großen, bettelnden Augen zu ihren Eltern schauten, erklärte ich, dass es sich um Handarbeiten von mir handelte. Der Kampf war gewonnen, noch bevor er richtig begann. Welcher Elternteil kann schon den bettelnden Augen des eigenen Kindes widerstehen, das sich gerade in ein handgemachtes Bambi-Bild verliebt hat?

Nachdem in der warmen Jahreszeit die Mamas und Omas gerne mit ihren Kindern und Enkeln in Parks und Spielplätzen zugegen waren. War auch ich dort anzutreffen. Natürlich machte ich immer Werbung in eigener Sache. Sorgte dafür, dass die Kids wussten, was ich zu bieten hatte. Und die sorgten dann für die entsprechenden Kontakte. Durch Bambi & Co. konnte ich nicht nur meinen Lebensunterhalt verdienen, sondern dabei auch noch das ganze wunderschöne Österreich. Deutschland und die deutschsprachige Schweiz kennenlernen. Wer hätte gedacht, dass diese Reise nicht auf der Autobahn, sondern von Haustür zu Haustür, von Park zu Park stattfinden würde?

Nachdem sich noch ein paar Leute für den Verkauf gefunden haben, fuhren wir im Sommer 1967 mit einem alten klapprigen VW-Bus nach Linz.

Wir waren ein Team von sechs Leuten, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Wir waren alle jung, Wolfgang, der Fahrer, mit seinen 26 Jahren, war der älteste, sein Vollbart ließ ihn etwas älter und autoritärer aussehen.

 Mario, Typ kleiner Italiener, sensibel, lustig, mit guter Stimme und Gitarre. 

 Norbert, der Dorfcasanova, gut aussehend und charmant. Aus einem kleinen Dorf im Waldviertel. Er hat sich uns nur angeschlossen, weil er von zu Hause fliehen musste.  Er hatte vielen Mädchen gesagt, er würde sie lieben, und als sie ihn vor die Wahl stellten, konnte er sich nicht entscheiden. In einem kleinen Dorf, ein unverzeihlicher Fehler. Er hoffte, die Wogen würden sich bald glätten, aber die jungen Damen waren sehr nachtragend.  So war er über ein Jahr mit uns unterwegs. Dass er auf unserer Tour auch seine Probleme mit den Damen hatte, versteht sich von selbst.

Franzi, der immer einen Anzug trug, so warm konnte es gar nicht sein.  Abgetragen ja, aber von gewisser Eleganz. Mit seiner ruhigen, zurückhaltenden, steifen Haltung konnte man ihn als einen Ableger einer Adelsfamilie halten. Eben ein Sir durch und durch.

Christine, aufgeweckt, hübsch und burschikos, mit ihrem Bubi-Haarschnitt. Sie wäre bei entsprechender Verkleidung auch glatt als ein Junge, mit dem man Pferde stehlen kann, durchgegangen.

Und nicht zuletzt ich, da Ruady der Jüngste, mit meinen 19 Jahren rothaarig, groß, schlaksig. Mein Credo war Learning by Doing, ich sprang ins kalte Wasser, wo es nur ging oder ich wurde auch hineingeworfen, meist kam ich schnell wieder heraus, manchmal fror ich mir auch den Arsch ab.

 Schon während der Fahrt unterhielt uns Mario mit seiner Gitarre und den selbst verfassten Spottliedern. In Linz angekommen, fanden wir in einer Jugendherberge Unterkunft.  Zwei Dreibettzimmer, spartanisch eingerichtet, aber sauber und billig.

Schon ein paar Tage später hatte Mario einen von uns auf der Schippe. Das Opfer war Franzi, weil er kein Freund von Seife und Wasser war.  Zum Vergnügen aller sang Mario mit Gitarrenbegleitung. Von Kopf bis Fuß ist er ein Gent, nur dreckig, san die Füße und Händ. Franzi ganz Snob. Hatte nur ein herablassendes Lächeln für den Gesang übrig. 

Mario hat sich in Christine, dem burschikosen Mädchen, mit Bubi Haarschnitt verliebt. Er überhäufte sie mit Komplimenten.   Machte ihr Geschenke, welche sie mit verheißungsvollem Lächeln annahm. Durch ihre Art machte sie ihm Hoffnung und er stürzte sich mit Freude in die Arbeit.

Er hetzte sich den ganzen Tag ab, um ihr am Abend etwas schenken zu können. Er bezahlte ihren Anteil am Zimmer, bezahlte das Essen, kaufte ihr Kleidung, er hielt sie aus. 

Ich pflanzte ihm. Ach, Mario, kauf ihr ein Mascherl, schöne Schuhe, einen Taft und ein Tascherl.

Bei Tag konnte er sich nur abmühen im Glauben, in der Nacht wird die Liebe erblühen. Doch trotz aller Bemühungen hatte Christine nur Augen für Wolfgang.

Als Mario das dann klar wurde, saßen wir auf dem Vorplatz. Er spielte auf seiner Gitarre, dieses Mal leiser, melancholischer. Seine neuen Zeilen waren geprägt von Liebeskummer. Sie lacht mit ihm, als wäre ich Luft, mein Herz, das brennt und nach ihr ruft.

Norbert, der Casanova, legte seinen Arm um Mario und sagte: Das Leben ist wie ein Dorf-du kannst nicht alle lieben, aber du kannst überall Spuren hinterlassen.

Mario war nach dieser Nacht verschwunden. Wir waren alle betroffen. Mich traf es besonders, weil ich Mario gerne mochte. Er war immer hilfsbereit, stand mir zur Seite, wie zuvor erwähnt, war ich mit Abstand der jüngste und wurde teilweise auch wegen meiner ländlichen Herkunft auf die Schaufel genommen. Aber mit seiner Hilfe konnte ich mich erfolgreich zur Wehr setzen.

Marios Verschwinden hinterließ Spuren.

Christine stand am Fenster und schaute auf den Vorplatz, wo Mario am Vorabend noch seine schmerzlichen Lieder sang. Sie sagte mehr zu sich selbst als zu uns, Mario, ich habe dir doch zu verstehen gegeben, dass du meine Zuneigung nicht kaufen kannst. Und verdammt, ja, ich hätte die Geschenke nicht annehmen sollen. 

Norbert, der Casanova, meinte, mach dir keinen Kopf. Er wird schon wieder. Ich hatte da nicht so ein gutes Gefühl.

Christine suchte weiterhin die Nähe von Wolfgang. Der blieb immer gleich, kümmerte sich ums Fahrzeug, organisierte die Tour. Doch er machte keine Anstalten, sich mit Christine ernstlich einzulassen. Schon bald wurde ihr klar, dass sie nun keine Unterstützung von anderen erwarten konnte. Sie musste ihr Leben selbst in die Hand nehmen.

Und es gab eine erstaunliche Wendung: Franzi, der Sir, hatte sich die Lieder zu Herzen genommen. Er duschte öfter und er verwendete Rasierwasser.

 Norbert hatte weiterhin Stress mit den Frauen. Er floh von Stadt zu Stadt, doch das Problem blieb dasselbe, nur die Kulisse änderte sich. Christine hat die Gruppe verlassen, sie schaffte es nicht, für sich selbst zu sorgen. Sie fuhr wieder nach Hause zur Mama.

Eines Tages beschlossen wir nach München zu fahren, um dort unsere Disney-Helden an den Mann zu bringen. Mit wenig Geld ein Quartier zu finden, war nicht so einfach. Also grasten wir die Umgebung von München ab und wir fanden eine leistbare Unterkunft.

Es war ein Gasthof, in den wir gegen 22 Uhr einzogen und kurz nach 23 Uhr wieder hinausflogen.

Unser Problem war Norbert und ein hübsches Dienstmädchen, das im gleichen Stockwerk ihr Zimmer hatte.

Schon als wir unser Vierbettzimmer bezogen, fielen mir die vielen religiösen Symbole und Darstellungen auf. Warum ich dabei ein ganz schlechtes Gefühl hatte, zeigte sich, als Norbert nicht auf dem Zimmer war. Er, der Casanova, hatte nichts anderes zu tun, als sofort an der Zimmertür von dem Mädchen zu klopfen. Das hörte der Wirt, ein Bär von einem Mann, tief religiös, Vollbart und mit Lederhose, wie ich mir einen echten Bayern halt vorstellte. Er hatte wohl selbst ein Auge auf das Mädchen geworfen. Der nahm sich Norbert zur Brust. Wir im Zimmer hörten nur, wie Norbert vor die Tür gesetzt wurde. Kurz dachten wir, geschieht ihm recht, aber nur solange, bis wir auch vor die Tür gesetzt wurden. 

Wir fuhren dann in der Gegend herum, um ein Quartier zu finden, und zu allem Überfluss ging uns der Sprit aus. So blieb uns nichts anderes übrig, als im Auto zu nächtigen. Gegen fünf Uhr morgens klopfte es an der Scheibe, draußen zwei Polizeibeamte. Mit strenger Miene wollten sie wissen, was wir da wohl tun? Nachdem wir erzählt hatten, was uns widerfahren war, lachten sie, und als wir sie scherzhaft gefragt hatten, ob sie Norbert nicht in Schutzhaft nehmen könnten, weil er doch so große Probleme mit den Frauen hatte, bogen sie sich vor Lachen.

Inzwischen ist die Sonne aufgegangen. Ich fragte, wo man in der Nähe tanken könnte. Meinten sie lachend: Komm, steig ein, wir bringen dich hin. Sie brachten mich mit einem Reservekanister zu einer Tankstelle und wieder zurück zum Auto. Hilfsbereit, wie sie waren, zeigten sie uns noch in der Nähe eine Herberge. Einfach eingerichtet, aber sauber und günstig.

Und Norbert bekam von den Beamten noch den Rat, er sollte es mit den Frauen nicht übertreiben.

Nach turbulenter Zeit in München ging es wieder zurück nach Österreich. Wir machten gerade Station in Salzburg, wo uns Norbert wieder verließ. Er hat sich entschlossen, wieder in sein Dorf zurückzukehren und sich dem Tribunal der Jungen Frauen zu stellen. Nachdem wir ihm zu seiner mutigen Entscheidung gratuliert hatten, bedankte er sich bei uns mit breitem Grinsen und meinte, es würde uns jetzt leichter fallen, ein Quartier zu finden. Da entgegnete Wolfgang lachend, du brauchst dir auf die Probleme, die du uns bereitet hast, nichts einzubilden. Franzi, eigentlich der große Schweiger, meinte freundlich, schau, dass du weiter kommst.

Die Abreibung, die er von den jungen Frauen erhalten würde, vergönnten wir ihm. Wir währen gerne dabei gewesen.

Einige Tage später, zeitig in der Frühe, standen Peter, Wolfgangs Partner, und Mario, der sich bei Peter in Wien gemeldet hat, plötzlich bei uns im Zimmer. Die Überraschung war groß – monatelang hatten wir nichts von ihm gehört. Wo zum Teufel warst du? Mario, fragte ich. Ein riesiger Schock für uns, als wir erfuhren, dass er in einer Klinik wegen Suizidversuch war. Christine war nicht der Grund, beteuerte er sofort. Warum dann? Wir konnten uns beim besten Willen nicht vorstellen, was ihn sonst dazu getrieben hat. Er war eigentlich wie immer, mit seiner Gitarre, die er umgehängt hatte.

 Mario sah uns der Reihe nach an. Bei Franzi, der ihm freundlich zunickte, zuckte ein kaum merkliches Lächeln über sein Gesicht. Bei mir blieb sein Blick hängen. Und dann sah er Wolfgang an, nicht mit der üblichen Schelmerei, sondern mit einer bitteren Ernsthaftigkeit.

„Ich war weg“, sagte er leise. Er machte eine Pause, die so schwer war, dass man sie fast greifen konnte. „Ich war dabei, mich umzubringen.“

Die Luft in dem kleinen, spartanischen Zimmer stand still. Mir wurde kalt. Ich wollte etwas sagen, aber mir fehlten die Worte. 

In den nächsten Stunden erfuhren wir, es war nicht sein erster Versuch, es war immer mit Alkohol.

Er setzte sich schwerfällig auf das Bett. Der Alkohol war der Auslöser. Es ist passiert, als ich betrunken war, weil ich dann immer depressiv werde. Uns war nie aufgefallen, dass Mario je Alkohol getrunken hätte. Ich trinke normalerweise keinen Alkohol. Aber manchmal überkommt mich der Drang, etwas zu trinken, das hat dann oft fatale Folgen.

„Aber ich verspreche euch“, sagte er schließlich mit fester Stimme und sah uns dabei nacheinander an, nie wieder. Kein Alkohol mehr. Das war der letzte Schritt, den ich gehen musste, um das wirklich zu verstehen.

Wolfgang nickte nur und sagte pragmatisch: Gut. Das hier ist dein Bett. Pack deine Sachen aus, wir haben viel zu tun.

Mario sagte uns immer wieder, er würde keinen Alkohol mehr anrühren, ich sagte ihm, ich glaube an dich, aber du musst an dir arbeiten. Und das tat er. Das ging sogar so weit, dass er vor dem Essen vom Servicepersonal die Garantie haben wollte, dass da ja kein Alkohol drinnen war. Das sorgte oft für irritierte Blicke. Die verschwanden, als er erklärte, er müsse Medikamente nehmen, die sich so überhaupt nicht mit Alkohol vertragen. Wenn er auch nur einen Tropfen zu sich nimmt, würde es richtiggehend rund in ihm gehen, wie er das sagte und sich dabei den Bauch hielt, da musste das Personal lachen.

Wenn Mario nicht bei uns war, sorgten wir uns. Er bemerkte es und sagte, vertraut mir, ich habe alles im Griff. Nahm seine Gitarre und klimperte drauflos, er verarschte sich selbst, als er sang: Ach Mario, kauf mir ein Mascherl, schöne Schuhe an Taft und a Tascherl.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert